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Der Spalengottesacker
© by altbasel.ch

Botanischer Gartenlageplan

Tram 3 - Spalentor
Bus 30/33 - Spalentor


Neue Friedhöfe braucht die Stadt

In den 1820er Jahren war der Zeitpunkt gekommen wo für die überfüllten Kirchhöfe von St.Leonhard und St.Peter Ersatz gefunden werden musste. Bereits im 18.Jh waren dort die Zustände so schlimm, dass beide Kirchgemeinden 1769 bis 1775 auf dem Friedhof des längst aufgehobenen Klosters Gnadental am Petersgraben beerdigen mussten. Zu St.Leonhard wurde die Lage bis 1808 unterträglich, so dass man Beisetzungen verbot und einen provisorischen Friedhof auf der Steinenschanze schuf.


plan des spalengottesackers

A - heute Bernoullistrasse

B - heute Schönbeinstrasse (durch ehem. Gottesacker verlaufend)

C - heute Missionsstrasse

1 - Älteste Partie des Gottesackers (rot eingefärbt), 1825 angelegt

2 - Partien der Erweiterungen von 1835 und 1845 (blau eingefärbt)

3 - Gottesackerkapelle von C. Riggenbach, 1851/52 erbaut, 1943 abgerissen

4 - Universitätsbibliothek, 1896 auf Friedhofsareal gebaut, Neubau 1968

5 - Viktoriahaus im Botanischen Garten, 1898 auf Friedhofsareal erbaut

6 - Botanisches Institut, 1896 auf Friedhofsareal erbaut

7 - Tropenhaus

8 - Spalentor

9 - Stachelschützenhaus, heute Institut für Mikrobiologie und Hygiene


Die Lösung sah man in grossen Gottesäckern, welche am Rand der Stadt die engen alten Kirchhöfe als Begräbnisplätze ersetzen sollten. Mit dem Gottesacker St.Elisabethen wurde 1817 ein Anfang gemacht. Dieser Friedhof wurde auf einem freien Areal beim Aeschenbollwerk angelegt. Im Jahr 1825 folgte dann der Spalengottesacker, der als erster Friedhof ausserhalb der Stadtmauern lag. Auf dem Gelände der "Gass'schen Reben" angelegt, befand er sich nur wenige Schritte vom Spalentor entfernt.

Nicht überall schätzte man die Tatsache dass nunmehr die Trauerzüge durch ein Tor hinaus vor die Stadt ziehen mussten. Aber man war dennoch froh nun wieder einen ordentlichen Friedhof zu haben. Indes herrschte nicht lange Freude, denn nach ein paar Jahren stellt sich heraus dass man in zu kleinen Dimensionen gedacht hatte als man den Friedhof anlegte. Schnell war der Spalengottesacker voll und erneut hatte man zu St.Peter und zu St.Leonhard dieselben Probleme.

Man behalf sich in der Platznot auf etwas unlautere Weise, indem man zwischen zwei alten Gräbern ein neues aushob. Als sich die Stadt Bern wegen der Reform ihres Bestattungswesens in Basel nach den Verhältnissen erkundigte, hielt Pfarrer Daniel Krauss (1786-1846) von St.Leonhard hierzu fest, dass er es vorzöge den Bernern nichts davon zu erzählen wie man auf dem Gottesacker Gräber mache. Er wäre vielmehr froh wenn man schon in der Stadt Basel nicht davon spräche.


Zwei Erweiterungen

Um 1835 entschloss man sich zu einer ersten Erweiterung des Spalengottesackers, der im Jahr 1845 eine zweite folgte. Dazu musste das umliegende Areal aufgekauft werden, namentlich das Müller'sche Rebgelände sowie das Kündig'sche und das Meyer-Hoffmann'sche Gütlein. Der Friedhof der anfangs zwischen der heutigen Schönbeinstrasse und dem Spalengraben lag, erstreckte sich schliesslich mit den Erweiterungen bis hinab zur heutige Bernoullistrasse und zum Bernoullianum.


botanisches institut

Das Botanische Institut an der heutigen Schönbeinstrasse. Entworfen von Viktor Flück und erbaut 1896 durch Rudolf Linder. Es entstand mitten auf den Areal des ehemaligen Spalengottesackers, auf der Grenze zwischen dem alten Friedhof von 1825 und der Erweiterung von 1835.

Die alte Friedhofsmauer von 1825 blieb dabei bestehen und wurde nur mit einem zusätzlichen Portal versehen. So konnte man leicht zwischen altem und neuem Gottesacker unterscheiden. Entlang dieser Mauer befanden sich auf beiden Seiten die Gräber gehobener Klassen mit Backsteingruften. Die Mauer war daher wichtig, weil an ihr damals die exklusiven Grabsteine und Epitaphe angebracht wurden. Jenseits eines Kieswegs lagen im Inneren die schlichteren Riehengräber der einfachen Leute.


Schlamperei bei der Beisetzung

Der Platz in einer noblen Backsteingruft war aber keine Garantie für eine gewissenhafte Beisetzung. Bei Ausgrabungen 1987 fand man in Gruft 29 des alten Gottesackers zwei Bestattungen. Bei einer davon war offenkundig geschludert worden, denn der Sarg lag verkehrt im Grab. So fanden sich über hundert Jahre später, als das Holz der Särge längst vergangen war, zwei Skelette nebeneinander bei denen jeweils die Füsse des Nachbarn auf Augenhöhe des anderen zu liegen gekommen waren.

Eine andere Bestattung aus einem Reihengrab in der Partie der Erweiterung von 1835 offenbarte zwei bemerkenswerte Details. Auf den Sarg des beigesetzten Mannes wurde eine Münze gelegt. Kurios mutet aber die Dreikantfeile an, die der Leiche quer auf den Bauch gelegt wurde. Es wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben, weshalb man dem Toten dieses Werkzeug mit ins Grab gegeben hatte. Die Gräber waren rund 140 cm tief, das Erdreich war mit Spuren des vormaligen Garten- und Rebgeländes durchsetzt.

Bei den Trauerzügen kam es beim Spalentor immer wieder zu Szenen die Anlass zur Klage gaben. Die Soldaten der Standestruppe die beim Tor Wache hielten, eilten oft aus dem Wachtlokal um vor dem vorbeiziehenden Sarg das Gewehr zu präsentieren. Das war ja noch gern gesehen, wenn nicht zugleich jeweils einer der Stänzler an die Trauernden herangetreten wäre, um mit hohler Hand ein Entgelt für das Ehrenspalier zu verlangen. Dagegen wurde schliesslich ein Verbot erlassen.


missionstrasse

Das Hotel Spalentor an der Missionsstrasse. An seiner Stelle lag die 1851/52 von Christoph Riggenbach erbaute Kapelle, die 1943 abgerissen wurde, um Platz für den Wohnblock zu schaffen.

Die Spalenkapelle von Christoph Riggenbach

Eine Neuheit aus der Zeit nach der zweiten Erweiterung von 1845 ist die "Spalenkapelle". Um die Abdankungen künftig würdig auf dem Friedhof abhalten zu können, trugen die Kirchgemeinden St.Peter und St.Leonhard genügend Spendengeld zusammen um sich damit eine Kapelle auf den Gottesacker bauen zu lassen. Das Projekt wurde vom Basler Architekten Christoph Riggenbach (1810-1863) realisiert. Er sollte später den Bau der Elisabethenkirche leiten, deren Vollendung er aber nicht mehr erlebte.

Bie Kapelle auf dem Spalengottesacker wurde von Riggenbach 1851/52 im Stil der Neugotik erbaut. In den 1860er Jahren spürte das wachsende Basel einmal mehr, dass die vorhandenen Friedhöfe nicht mehr den Ansprüchen genügten. Immer neue Erweiterungen waren keine Lösung, also fasste man noch grössere Gottesäcker in Auge, die noch weiter vor jener Stadt lagen, die mittlerweile um all die Friedhöfe herumgewachsen war, die fünfzig Jahre zuvor noch auf freiem Feld lagen.

Mit der Eröffnung des Gottesackers Kannenfeld im Juni 1868 brach eine neue Epoche im Bestattungswesen an. Zu weit lag dieser grosse Friedhof nun vor der Stadt, um die Särge noch auf Schultern ans Grab tragen zu können. Die Stunde der Leichenwagen war gekommen. Zugleich hatte auch die letzte Stunde einer ganzen Reihe alter Basler Friedhöfe geschlagen, die nun endgültig geschlossen wurden. Einer von ihnen war der Spalengottesacker, dem nun noch ein Vierteljahrhundert der Ruhe gegönnt war.


Bibliothek und Botanischer Garten

Mit der Ruhe war es dann vorbei als 1894/97 die Bibliothek der Universität mitten die Partie der Erweiterung von 1845 hinein gebaut wurde. Zahlreiche der jüngsten Gräber wurden geräumt. In der nördlichen Hälfte wurde 1896 das botanische Institut gebaut, genau über der Trennmauer des alten Friedhofs und der Erweiterung von 1835. Über dem ursprünglichen Teil des Gottesackers von 1825 entstand in der Folge 1897 der Botanische Garten mit seinen Gewächshäusern.


viktoria gewachshaus im botanischen garten

Das Viktoriahaus im alten Teil des ehemaligen Gottesackers. Das Gewächshaus in Kuppelform wurde 1896 von Viktor Flück für die Riesenseerose "Viktoria" gebaut. 1996 renoviert, ist es heute wieder originalgetreu zu besichtigen.

Länger als der Gottesacker widerstand die Kapelle dem Gang der Zeiten. Während vor ihrem Portal der Verkehrsstrom vor dem Spalentor stärker und lauter wurde, erinnerte sie an die Tage als die Trauerzüge durch das Spalentor vor die Stadt traten. 1920 wurde die Kapelle zum Domizil der Basler Stadtmusik. Diese liess 1940 eine Zwischendecke einziehen. Im Jahr 1943 schlug auch für die Kapelle das letzte Stündlein. Sie wurde abgerissen und durch einen Wohnblock ersetzt.


Oase der Natur

Wo einst die Verblichenen der Gemeinden St.Leonhard und St.Peter ihre letzte Ruhe fanden, bietet sich heute der Botanische Garten der Universität Basel als eine Oase der Natur für die Lebenden an. Nebst der Vielfalt an Pflanzen kann man mit dem Viktoriahaus eine spezielle Attraktion sehen, und zugleich tropisches Klima erleben. Es handelt sich dabei um ein Gewächshaus, welches 1898 eigens für die Riesenseerose Viktoria von Kantonsbaumeister Viktor Flück gebaut wurde.



interne Querverweise:

>> Beitrag zum Gottesacker am Hörnli

>> Beitrag zum Gottesacker Kannenfeld

>> Beitrag zum Gottesacker Wolf

>> Beitrag zum Gottesacker Horburg

>> Beitrag zum Gottesacker Rosental

>> Beitrag zum Gottesacker St.Elisabethen

>> Beitrag zum Spitalgottesacker

>> Beitrag zum ersten jüdischen Gottesacker

>> Beitrag zum Johanniterkirchhof

>> Beitrag zu den Begräbnisstätten zu St.Leonhard

>> Beitrag zum Laienfriedhof des Klosters Klingental

>> Beitrag zum Binninger Kirchhof St.Margarethen

>> Beitrag zum Strassburgerdenkmal

Surftipps:

>> Der Botanische Garten der Universität Basel
>> Auf dem Areal des ehem. Gottesackers - Hotel Spalentor




Beitrag erstellt 26.05.04 / Quellen nachgeordnet 26.05.09


Quellen:

Othmar Birkner, "Friedhof - Bestattungspark - Volksgarten", publiziert in Gärten in Basel, herausgegeben von der Öffentliche Basler Denkmalpflege, Basel, 1980, ISBN 3-85556, Seite 44

Othmar Birkner/Hanspeter Rebsamen, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920: Basel, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 1986, Seiten 183, 209 bis 210

E. Blum und Th. Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde (Textband), Verlag Hermann Krüsi, Basel, 1913, Seiten 11 und 12

Rolf Brönnimann, Basler Bauten 1860-1910, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1973, ISBN 3-7190-0624-7, Seite 172

Karl Gauss/Hans Schäfer/Fritz LaRoche, Basilea Reformata 2002, herausgegeben von den Kirchenräten der Evangelisch-reformierten Kirchen Basel-Stadt und Basel-Landschaft, Basel und Liestal, 2002, ISBN 3-9522134-0-4, Seite 218

Bruno Kaufmann und Reto Marti, "Schönbeinstrasse 6 (Botanisches Institut)", im Jahresbericht 1987 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 88. Band, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1988, Seiten 196 bis 202

Paul Koelner, Basler Friedhöfe, Verlag der National-Zeitung, Basel, 1927, Seiten 70 bis 71

Eugen Alfred Meier, Basel Einst und Jetzt, 3.Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seite 188

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