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Die Begräbnisstätten zu St.Leonhard
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Lohnhof/St.Leonhardskirchplatzlageplan

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Bestattungsrecht aus des Bischofs Händen

Adalbero III. (zwischen 1133 und 1137 Bischof von Basel) übertrug anderem dem jungen Chorherrenstift St.Leonhard das Bestattungsrecht. Erstmals wird damit ein Friedhof belegbar. Beigesetzt wurde sicher schon in der Frühzeit im bald nach der Gründung des Stifts erbauten Kreuzgang. Mit dessen Abbruch 1897 verschwanden die Spuren dieser frühsten Begräbnisstätte des Klosters, die zu Beginn einzig den Mönchen vorbehalten war.

Die ältesten entdeckten Gräber stammen aus der Zeit zwischen 1200 und 1360. Sie lagen vor der Westfassade des damaligen Gotteshauses, in einer Vorhalle beim Eingang. Mit der Zeit wurde die Kirche erweitert und wuchs über die Gräber hinweg. Ein Friedhof für die Gemeinde wird 1269 erstmals erwähnt. Er lag nördlich der Kirche und wurde später zum äusseren Kirchhof St.Leonhard. Der Begräbnisplatz im Kreuzgang sollte zum inneren Kirchhof werden.


Die Kapelle des heiligen Oswald

Einige Jahre vor dem Friedhof der Kirchgemeinde wird 1241 die Kapelle St.Oswalds genannt. Sie lag direkt an der Umfassungsmauer des Begräbnisplatzes. Ein besonderer Gönner der Kapelle war Johann Teufel aus der Kirchgemeinde St.Leonhard. Im Jahr 1277 stiftete er auf dem Altar in ihrer Krypta eine ewige Messe. Er habe sich und seinen Besitz in einer besonders frommen Stunde dem Stift verschrieben, was er aber bald begann zu bereuen.

kloster um 1615

Die Friedhöfe auf dem Stadtmodell im Klingentalmuseum um 1615.

1 - Romanischer Kreuzgang mit innerem Kirchhof
2 - St.Leonhardskirche
3 - Der äussere Kirchhof für Laien
4 - Die Friedhofhalle des 15.Jahrhunderts

Dank bischöflichem Fürspruch konnte er aushandeln, dass er und sein Gut zu Lebzeiten weiter ihm selber gehörten, wofür aber nach seinem Tod eine gewisse Summe an das Kloster falle. Teufel heiratete, zeugte einen Sohn und wurde durch Kornhandel in Hungerzeiten reich. Dies haben die Chorherren vermutlich dazu genutzt, an sein schlechtes Gewissen zu appellieren. Teufel soll 1289 die Kapelle von St.Oswald neu errichtet haben.

Das sei aber noch nicht genug gewesen, denn nach seinem baldigen Tod mochten sich die Chorherren nicht nur mit dem zugesicherten Erbteil begnügen. Sie machten geltend, dass Johann Teufel angeblich auf dem Totenbett dem Stift als Mönch beigetreten sei und seinen ganzen Besitz dem Kloster vererbt habe. Ein Schiedsgericht entschied 1294 zugunsten des Stifts St.Leonhard, so brachten die Chorherren eine Witwe mit Kindern um Hab und Gut.

St.Oswald diente dem äusseren Kirchhof als Totenkapelle und für 1300 ist belegt dass im Inneren des kleinen Gebäudes die Gebeine Verstorbener ruhten. Die Kapelle konnte sowohl vom Leonhardsberg (gegenüber der Hausnummern 8 und 10) als auch vom Kirchhof her betreten werden. Besonders verbunden waren ihr die Gerber. Vor dem kleinen Gotteshaus versammelte sich das Probstgericht und es wurden Rechtsgeschäfte abgewickelt.

Nach der Reformation als "Oberes und unteres Beinhaus" bekannt, wurde die Oswaldkapelle im Jahr 1600 abgebrochen. Danach wurde der äussere Kirchhof durch jene Stützmauer am Leonhardsberg gesichert, die man heute noch sehen kann. Eine baufällige Partie der Mauer war im Jahr 1582 eingestürzt und ein Teil des Friedhofes rutschte samt einiger Leichen hinunter in die Tiefe Richtung Barfüsserplatz. Dies war wohl der Anlass für Umbau und Abriss.


Profitable Seiten des Begräbnisrechts

Merians Stadtansicht von 1615, zeigt dass beim Kirchhofzugang am Leonhardsberg ein eiserner Rost im Boden eingelassen war. Diese "Knochenbrecher" hielten vor vielen mittelalterlichen Kirchhöfen Hufvieh von den Begräbnisstätten fern, boten jedoch keinen Schutz vor Hunden und anderen Kleintieren. Auf Merians Plan gibt es am Eingang vom Heuberg her über keinen Rost. Somit waren dort Tür und Tor für Pferde, Esel und anderes Grossvieh offen.

Das Begräbnisrecht hatte eine lukrative Seite, denn jener Kirche bei der eine verstorbene Person beigesetzt wurde winkten Gebühren, Geschenke und Vermächnisse. Das brachte zuweilen hässliche Szenen mit sich, so als 1321 eine Tochter Konrad Helmers verstarb, welcher der Leonhardsgemeinde angehörte. Die Tote wurde von den Barfüssermönchen abgeholt und auf deren Friedhof begraben, womit sie in die Rechte des Stifts St.Leonhard eingriffen.

friedhofhalle

Die Friedhofhalle aus dem 15.Jahrhundert. Sie zeigt sich heute wesentlich kürzer als sie zu Beginn war, denn ihr wurden mehrere Fensterachsen wegen Umbauten genommen, zuletzt 1842 beim Bau des benachbarten neuen Pfarrhauses durch Amadeus Merian.
Es folgte eine Klage beim Bischof, doch die Barfüsser weigerten sich, die Leiche zurückzugeben. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten bei denen ein Bruder der Toten einen Chorherrn verletzte. Laien durften bis in die Mitte des 15.Jh auf dem inneren Kirchhof und im Kreuzgang des Stifts beigesetzt werden, wobei das Chorherrenstift diesen begehrten Platz besonderen Personen vorbehielt, je nach deren Verdienst und Vermögen.


Keine Laienbestattungen mehr im Kloster

Im 15.Jh legten dann Reformen legten fest, dass der Ort nur noch den Chorherren vorbehalten sei. Gewöhnliche Sterbliche mussten sich um 1460 mit dem äusseren Friedhof begnügen. Die Klausur konnte jedoch nur unvollständig durchgesetzt werden. Weiterhin musste man in den geschlossenen Bereichen des Stifts Aussenstehende dulden, denn den Witwen der auf dem inneren Kirchhof ruhenden weltlichen Gönner musste man den Zugang zum Grab gestatten.

Dem vielgehegten Wunsch nach einer begehrten Kreuzgangbestattung wurde mit einer Kompromisslösung Rechnung getragen, das Stift wollte es sich nicht mit potentiellen Gönnern verderben. An der nordwestlichen Seite des äusseren Kirchhofes, entlang der alten Stadtmauer, wurde die Friedhofhalle errichtet. Sie war im Stile eines Kreuzganges gehalten, und wurde im Volk auch bald als ebenso begehrte Begräbnisstätte akzeptiert.

Sie war wohl während der Amtszeit von Probst Stephan de Vasis zwischen 1454 und 1460 erbaut worden. Eine Fensterachse an der Kirche musste 1490 beim Neubau des Gotteshauses bereits geopfert werden, und es sollten noch weitere grobe Eingriffe folgen. In der ab 1369 St.Theobald gewidmeten Kapelle wurde dem grosszügigen Gönner Ritter Hügelin von Schönegg auf dessen Wunsch hin ein Grab mit heute noch existierender Grabpatte bereitet.

Bei der Öffnung des Grabes 1918 fand sich übrigens kein Hinweis für eine hiesige Bestattung Hügelins gefunden. Eine Grabplatte von 1388 belegt die Beisetzung eines Kanonikers in der Theobaldskapelle, wo auch das Sammelgrab der Pröpste mit einer um 1500 geschaffenen Grabplatte lag. In einer Familiengruft in der Nordwestecke der Kapelle, stiess man auf übereinander gestapelte Särge, was auf eine längere Nutzung dieser Ruhestätte im Kircheninneren deutet.


Das Grab von David Joris

Von Begräbnissen nach der Reformation zeugt die Beisetzung des Johannes von Brügge in der Kirche im August 1556. Er sollte als David Joris in die Stadtgeschichte eingehen. Seine Leiche wurde drei Jahre später auf Geheiss der Obrigkeit aus dem Grab gerissen und verbrannt. Pietätlos ging es mit der Zeit auch auf den Kirchhöfen zu. Im September 1651 vernahm man gegen elf Uhr nachts immer wieder heftiges Pickeln zwischen den Gräbern.

friedhofhalle

Das Innere der Friedhofhalle von der Kirche aus gesehen, man erkennt links den Treppenabgang zum Kohlenberg von 1811/12. Rechts der Wand entlang sieht man im Boden eingelassene Grabplatten von Bestattungen aus nachmittelalterlicher Zeit. Die Tür am Ende der Halle führt ins neue Pfarrhaus nebenan.
Anno 1729 berichtet der Pfarrherr Johann Rudolf Wettstein von Leuten, die in der Nacht bei oder in den Gräbern gruben. Was nicht bekannt war ist, dass oft nach solchen Vorfällen wundersam neue Leichen bei lokalen Anatomen auf den Seziertischen auftauchten. 1769 zählte der innere Kirchhof achzig Gräber und war stark überfüllt. Die Gräber waren nur drei Schuh tief und der Platz war überhäuft mit Holz, Schutt und anderem Gerümpel.


Schauerliche Zustände auf den Kirchhöfen

Der äussere Kirchhof war mit seinen dreihundertfünfzig Gräbern dermassen überbelegt, dass die Särge der Bestatteten noch dichter unter der Erdoberfläche lagen als beim inneren Kirchhof. Vierzig Jahre zuvor schilderte der oben genannte Johann Rudolf Pfarrer Wettstein die bereits grässlichen Zustände um die Begräbnisstätten in deutlichen Worten:

Es wird wohl schwerlich ein Kirchhof in einer christlichen Stadt zu finden sein, welcher so vieler und grosser Profanation exponiert und unterworfen , wie solches fast täglich wahrzunehmen, sowohl an der ausgelassenen Jugend, Herumlaufen, Geschrei, Steinwerfen in die Kirchenfenster und auf die Dächer der in der Tiefe liegenden Häuser und anderer schandlicher Ungebühr, als auch an Menge der Wagen, Fürsorgung und Pferden und alles anderen Viehs, so darauf zu weiden oder sonst darüber geführet werden.

Dahero es dann geschieht, dass immer so viel ohnbedeckte oder hervorgescharrte Todtengebein und Schädel öffentlich gesehen und mit Füssen herumgestossen werden, zu grosser Aergernuss aller Vorbeigehenden,sonderlich der Fremden, welche sich höchstens verwundern, dass dergleichen bei ihnen heilige Orth mit solcher Licentz verunehret werde.



Von Plänen und Sparmassnahmen

Nach der Meinung beigezogener Fachleute sollten die Friedhöfe abgetragen und nivelliert werden. Bei der folgenden Neubelegung sollten die Sigristen peinlich darauf achten, dass die Gräber ordentlich in gerader Linie angelegt würden, ohne Ausnahmen für Personen von besonderem Ansehen. Auch sollten auf den offenen Kirchhöfen keine Grabsteine mehr geduldet werden das sie zuviel Platz bräuchten und das einheitliche Bild störten.

Der Vorschlag mit den Grabreihen und dem Weglassen der Steine wurde angenommen, aber das Abtragen des Bodens war kam zu teuer. Man beschloss stattdessen einfach die Friedhöfe einige Zeit ruhen zu lassen. Während der Zeit in der auf den Friedhöfe das Bestatten verboten war, nutzte man die alten Begräbnisstätten des einstigen Klosters Gnadental am Petersgraben bis 1775 als Ersatz. Bald danach kam man auf die Kirchhöfe St.Leonhard zurück.

Um 1782 gab es erneut Klagen über den unerträglichen Verwesungsgeruch. Schliesslich wurde im Jahr 1808 das Bestatten auf den Kirchhöfen gänzlich untersagt und der Gemeinde wurde als Ersatz ein Platz auf dem Leonhardbollwerk zugeweisen, wo bis in die 1830er Jahre die Verstorbenen beigesetzt wurden. Der innere Kirchhof verschwand nach dem Einzug der Polizei im Jahr 1821. Der äussere Kirchhof wurde schliesslich im Jahr 1814 aufgehoben.

hauptportal

In der Friedhofhalle: Links Epitaph der Ursula Bernoulli, verstorben 1791 mit 71 Jahren, Ehegattin des Emanuel Falkner. Rechts Epitaph des Ratsherrn Johann Heinrich Zässlin (verstorben 1636 mit 48 Jahren) sowie seiner Mutter, seiner beiden Ehefrauen und einer Tochter.
Das Ende der Begräbnisstätte

Längs des Mittelschiffs der Kirche fand man viele Gräber aus den Jahrzehnten vor 1814. Sie waren oft Ursache von Schäden am Kirchenboden, was mit der Zeit immer wieder Ausbesserungen notwendig machte. Als die Ruhestätten im 20.Jh bei Grabungsarbeiten geöffnet wurden, fand sich unter ihnen ein Kindergrab aus der Zeit um 1800. Auf den Gebeinen und Sargresten fand sich eine rührende Grabbeigabe ein mit Papierblumen und Flitter geschmückter Buchsbaumzweig.

Um 1811/12 wurde die Friedhofhalle bei Umbauten an der alten Stadtmauer verkürzt, wobei die Treppe zum Kohlenberg entstand. 1841 wurden als letztes auch die Bestattungen in der Halle untersagt. Ein Jahr darauf errichtete Stadtbaumeister Amadeus Merian, Architekt des Café Spitz, ein neues Pfarrhaus. Für diesen Bau mussten drei weitere Fensterachsen der Friedhofhalle weichen, so dass von ihr heute lediglich noch die Hälfte übrig ist.

Damit endete die mit Mittelalter begonnene Geschichte von St.Leonhard als Begräbnisstätte. Von Zeit zu Zeit enthüllt der Platz allerdings seine Vergangenheit als früherer Bestattungsort. So fand man zum Beispiel in einem Leitungsschacht der IWB auf dem Leonhardskirchplatz im Jahr 1983 menschliche Skelettfragmente. Die Gebeine waren erst von einem Passanten entdeckt worden, nachdem sie unerkannt in die Baumulde gewandert waren.




Querverweise:

>> Die Kirchhöfe St.Leonhard

>> David Joris ( 1556 zu St.Leonhard bestattet und 1559 exhumiert)

Surftipps zu Lohnhof und Kirche:

> Historisches Museum Basel mit Musikmuseum im Lohnhof

> Baseldytschi Bihni - Website des Theaters im Lohnhof

> Au Violon - Hotel und Brasserie im Lohnhof

> Website zur Leonhardskirche



Quellen:

primär genutzte

Paul Koelner, Basler Friedhöfe, 1927, Verlag der National-Zeitung, Seiten 15, 19 bis 22 und 59 bis 67

François Maurer, Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 4, 1961, Birkhäuser Verlag, Seiten 140 bis 294

Beat Matthias von Scarpetti, Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St.Leonhard in Basel, Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft Band 131, 1974, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, ISBN 3 7190 0628 X

Rudolf Moosburger-Leu und Peter Buxtorf in Die Ausgrabungen in der Leonhardskirche zu Basel, Sonderdruck aus Band 68 der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 1968, Seiten 52 bis 56


sekundär genutzte

Christoph Philipp Matt, Rund um den Lohnhof, Archäologische Denkmäler in Basel Band 2, 2002, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, ISBN 3-905098-34-2, Seiten 2 bis 19

E. Blum und Th. Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde, 1913, Verlag Hermann Krüsi, Seiten 88 bis 89

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