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Der Gottesacker St.Elisabethen


Elisabethenanlage beim Centralbahnplatz

Tramhaltestelle Bahnhof SBB / Bushaltestelle Bahnhof SBB

Neuer Friedhof für die Münstergemeinde

Im Jahr 1814 war es soweit - der Kirchhof St.Martin war derart belegt, dass keine weitere Leiche mehr Platz hatte. Es wurde langsam klar, dass die Tage der kleinen Kirchhöfe vorbei waren. Die Bevölkerung wuchs und mit ihr die Zahl der Verstorbenen die bestattet werden musste. Da genügten mittelalterlichen Begräbnisplätze nicht mehr.
Die Zustände auf den Friedhöfen hatten in den Jahrzehnten zuvor die Grenze des Hygienischen oft überschritten. Der Rat nahm sich im März 1814 des Problems an - ein Deputaten-Kollegium unter Peter Ochs suchte nach Lösungen. Im Februar 1815 unterbreitete Ochs dem Bürgermeister das Projekt eines Gottesackers für die Münstergemeinde.


A - Ursprünglicher Gottesacker ab 1817

B - Erweiterung des Gottesackers 1843/45

1 - heute Standort Strassburgerdenkmal (seit 1895)

2 - heute Musikpavillon in der Elisabethenanlage (seit 1905)

3 - Leichenhalle Elisabethenstr. ab 1903 Kapelle, ab 1918 Magazin

4 - Schargen-/Totenhaus bis 1849 (und Schafstall)

5 - Gottesackerkapelle ab 1849 (1903 abgerissen)

6 - heute De Wette-Strasse (angelegt 1898/1903)

7 - heute Frontpartie des De Wette-Schulhauses (seit 1903)

Leichenhaus neben Schafstall

Dieser sollte abseits bürgerlicher Wohnungen liegen, auf einer Jucharte Land des einstigen Rebgeländes der Spitalmatten an der Stadtmauer beim Aeschenbollwerk. Tausend Gräber sollten dort Platz finden, für alle Toten die nicht im Münsterkreuzgang oder auf den Kirchhöfen zu St.Martin, St.Alban und zu St.Elisabethen bestattet werden konnten.
Johann Jakob Müller entwarf einen Gottesacker von funktioneller Schlichtheit. Das Gräberfeld sollte keinerlei Bäume und Büsche aufweisen. Lediglich Trauerweiden erhoben sich am Eingang. Die Leichenhalle (damals "Schargen- und Totenhaus") wurde, wenig pietätvoll dafür baslerisch sparsam, unmittelbar an den benachbarten Schafstall (1830 abgerissen) der Spitalscheune angebaut.
Im Jahr 1817 konnte der neue Gottesacker eröffnet werden. Hier fanden nebst den Verstorbenen der Münstergemeinde auch die Soldaten der Standeskompagnie ihre letzte Ruhe, wenn sie im Dienst das Zeitliche segnete. Der Verblichene wurde im Sarg von der alten Kirche St.Elisabethen zum Friedhof getragen, begleitet von einem Trupp Kameraden mit gesenktem Gewehr.
Stänzlerbegräbnis

Den Zug führte ein Tambour an, dessen Trommel mit schwarzem Tuch verhängt war und dadurch einen besonders dumpfen Klang erhielt. Mit einem Salut am offenen Grab erwies man dem Toten die letzte Ehre. Der ursprünglich karge Friedhof erhielt 1828 zaghafte Belebung durch Randbepflanzungen, kleinen Bäumen entlang der Wege und Nischen mit Sitzbänken zum ausruhen.
Anno 1830 erfolgte eine grössere Umgestaltung, denn von der nahen Schanze der Stadtmauer wurde Erdreich abgetragen um es auf den Gottesacker zu bringen. Mit den Arbeiten wurde Johann Jakob Stehelin (der Ältere) beauftragt, der 1840/42 als Architekt den neuen Schilthof erbauen sollte. Der Grund für die Eingriffe auf dem Friedhof mag im Jahr 1827 zu suchen sein.
Der Kirchhof St.Elisabethen war damals endgültig nicht mehr nutzbar. Laut dem Grabmacher hätte der obere Kirchhof fast nur noch aus Knochen bestanden. Der Platz sei innerhalb von neun Jahren gleich zweimal umgegraben worden. Bei jedem Spatenstich musste man damit rechnen, auf halbverweste Leichenreste zu stossen. Das Deputatenamt schränkte daher weitere Bestattungen massiv ein.


1 - Standort der 1903 abgerissenen Gottesackerkapelle (1849)

2 - Standort des ehemaligen Friedhofsportals

3 - Ehemalige Leichenhalle (1850), heute Magazingebäude

Petition gegen den Friedhof

Nunmehr kamen fast alle Leichen die früher auf dem Kirchhof begraben wurden auf den Gottesacker St.Elisabethen. Allerdings reichten die Massnahmen von 1830 nicht aus, um die vielen Bestattungen zu bewältigen. So herrschte zum Ende des Jahrzehnts neuer Bedarf am Platz. Man beschloss den Gottesacker zu erweitern. Zugleich reichten 175 Personen im Frühjahr 1840 eine Petition ein.
Die Petition verlangte die Verlegung des Friedhofes vor die Stadtmauer zwischen Steinen- und Aeschentor. Für das Begehren wurden mehrere Gründe angeführt. Zum einen gefährde die Nähe des Gottesackers die Gesundheit der Anwohner. Allerdings gab es solche Klagen nicht bei anderen Friedhöfen bei denen Wohnhäuser weit näher lagen. Des Pudels Kern lag aber wo anders.
Offenbar waren gewisse Kreise um den Wert der Immobilien an der Elisabethenstrasse besorgt. Die Häuser in diesem wachsenden Quartier würden nämlich im Wert steigen wenn der Gottesacker aus der Nähe wegkäme und vor die Stadt verlegt würde. Dennoch, der nötige Boden für die Vergrösserung war durch die Abtretung des Spitalgartens gesichert - der Friedhof blieb am Ort.
Erweiterung

Im Jahr 1843 konnte man sich schliesslich daran machen mit dem neuen Land den Gottesacker St.Elisabethen auf dei über dreifache Grösse zu erweitern. Der neue Teil des Friedhofes konnten 1845 seiner Bestimmung übergeben werden. Das alten Totenhaus wurde ersetzt, im Dezember 1849 weihte man eine Gottesackerkapelle ein, ab April 1850 war das Leichenhaus mit Wärterwohnung fertig.
Öfter wurden die Gräber nun auch mit privatem Blumenschmuck versehen. Diese Blumen zogen jedoch unliebsame Besucher an. 1858 gingen beim Bauamt vielfach Klagen ein, dass sich Frauen mit Körben auf den Friedhof begäben. Dort pflückten sie die Blätter von Rosen auf Gräbern und Rabatten, um diese dann an Tabakhersteller zu verkaufen.


Der 1905 erstellte Musikpavillon in der Elisabethenanlage 2007. Er steht dort wo sich früher die südöstliche Ecke des Gottesackers befand.

Grünanlage um den Friedhof

Ebenfalls 1858 erfolgte die Auffüllung des Stadtgrabens der alten Mauer. So entstand auf den Feldseiten des Gottesackers eine Grünanlage mit Promenade. Die Stadt wuchs weiter und neue Friedhöfe wurden nötig. Mit der Eröffnung des Wolf-Gottesackers 1872 wurde jener von St.Elisabethen geschlossen. Mit ihm wurden auch die Friedhöfe St.Alban und St.Jakob aufgegeben.
Noch zwanzig Jahre, die man dem Gottesacker pietätvoll als Ruhefrist einräumte, wurde die Kapelle aus dem Jahr 1849 für Abdankungen benutzt. Für die Gesellschaften von Trauernden wäre nämlich der weite Fussweg hinaus zum Wolf (bei jedem Wetter) etwas lang gewesen, so dass man dort oft nur die näheren Verwandten bei der eigentlichen Bestattung sah.
Das direkte Umfeld des Gottesackers erfuhr eine Umgestaltung nachdem zwischen 1858 und 1862 die Stadtmauer abgetragen und der Graben davor aufgefüllt wurde. Unter der Leitung von Basels erstem Stadtgärtner, Georg Schuster aus München, wurde der ehemalige Mauerabschnitt zwischen dem Bollwerk St.Elisabethen und dem Aeschenbollwerk in eine Grünanlage umgestaltet.
Die Strasse über De Wettes Grab

Der Park um den Gottesacker St.Elisabethen wurde 1895 mit dem Strassburgerdenkmal bereichert. Der Friedhof war längst aufgehoben, seit der letzten Bestattung waren über 20 Jahre vergangen.Man dachte an eine neue Nutzung des Geländes. Mitten durch die alten Grabfelder wurde folglich von 1898 bis 1903 die De Wette-Strasse angelegt.
Dieser neuen Strasse musste 1903 die 1849 eingeweihte Kapelle des Gottesackers geopfert werden. Der Name der Strasse rührte dabei übrigens von dem Theologen Wilhelm Martin Leberecht De Wette (1780-1849) her. Er war 1822 nach Basel gekommen, um hier als Professor der Theologie zu wirken. 1829 erlangte er das Bürgerecht, viermal wählte man ihn zum Rektor der Universität.
Als er am 16.Juni 1849 starb, begrub man ihn auf dem neuen Teil des erweiterten Gottesackers. Die 1898/1903 angelegte Strasse über den Friedhof verlief exakt über seine letzte Ruhestätte hinweg - noch heute geht man quasi über seine Leiche auf jener Strasse die seinen Namen trägt. Von 1901 bis 1903 entstand hier auch das De Wette-Schulhaus.

Heute auf dem Kirchhof St.Alban - der Grabstein des Hans Georg Stehlin. Er befand sich von 1832 bis 1872 auf dem Gottesacker St.Elisabethen.

Leichenhalle wird Kapelle

Das Schulhaus wurde in neubarockem Stil nach den Plänen von Fritz Stehelin und Emanuel La Roche erbaut. Es erhoben sich aber im Volk zahlreiche Stimmen gegen diesen Bau, der einen grossen Teil des Gottesackers beanspruchte. Dadurch wurden alte Gräber freigelegt, was die Gefühle Angehöriger verletzte. Man schuf einen Kompromiss um auch diese Kreise zufrieden zu stellen.
Das Gebäude (Elisabethenstrasse 59), das ab 1850 als Leichenhalle und Wohnung des Friedhofwärtes diente, wurde zu einer Bestattungskapelle umgestaltet. Hier sollten ausgegrabene Gebeine würdig ihre Ruhe finden. Theodor Hünerwadel führte den Umbau durch. Die Kapelle hatte 1918 ausgedient und sollte abgebrochen werden. Stattdessen nutzte man sie aber dann als Magazin des Kanalisationsbüros.
Im Jahr 1899 hatte Emanuel La Roche ein Projekt vorgelegt, welches die Umgestaltung des ehemaligen Geländes des Gottesackers vor dem geplanten De Wette-Schulhaus zum Inhalt hatte. 1901/02 entstand in der Folge das abgesenkte Rasenrechteck im Barockstil. In der südöstlichen Ecke des ehemaligen Friedhofes wurde 1905 der heute noch bestehende Musikpavillon erstellt.
Grabstein eines Volksführers

Die heutige Elisabethenanlage erinnert kaum noch an den Gottesacker der hier von 1817 bis 1872 die Toten der Münstergemeinde aufnahm. Obwohl noch viele von ihnen unter der Rasendecke im nördlichen Teil des Parkes ruhen, zeugt nur noch die einstige Leichenhalle an der Elisabethenstrasse von der Vergangenheit. Einen Grabstein kann man aber heute noch auf dem Kirchhof St.Alban finden.
Lieblos liegt dort der Grabstein des Baselbieter Volksführers Hans Georg Stehlin (1760-1832) vor dem Familiengrab seines Bruders. Der 1798 eingebürgerte Holzhändler aus Benken brachte es in der Stadt zu Amt und Würden. 1798 wurde er Präsident der Basler Nationalversammlung, 1803 Mitglied des Kleinen Rates und 1809 Mitglied des Staatsrats. Ab 1804 war er ferner Eidgenössischer Oberst.
Er wurde 1832 noch auf dem alte Teil des damals noch nicht erweiterten Gottesacker St.Elisabethen beigestzt. Nach der Aufhebung des Friedhofes versetzte man Stehlins Grabstein auf dem Kirchhof St.Alban, wovon noch immer die verwitterte Inschrift auf dem Stein kündet.



interne Querverweise:

>> Beitrag zum Gottesacker am Hörnli

>> Beitrag zum Gottesacker Kannenfeld

>> Beitrag zum Gottesacker Wolf

>> Beitrag zum Gottesacker Horburg

>> Beitrag zum Gottesacker Rosental

>> Beitrag zum Gottesacker Spalen

>> Beitrag zum Spitalgottesacker

>> Beitrag zum ersten jüdischen Gottesacker

>> Beitrag zum Johanniterkirchhof

>> Beitrag zu den Begräbnisstätten zu St.Leonhard

>> Beitrag zum Laienfriedhof des Klosters Klingental

>> Beitrag zum Binninger Kirchhof St.Margarethen

>> Beitrag zum Strassburgerdenkmal



Beitrag erstellt 20.09.04 / Quellen nachgeordnet 26.05.09

Quellen:

Othmar Birkner, "Friedhof - Bestattungspark - Volksgarten", publiziert in Gärten in Basel, herausgegeben von der Öffentliche Basler Denkmalpflege, Basel, 1980, ISBN 3-85556, Seiten 41 bis 43

Othmar Birkner/Hanspeter Rebsamen, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920: Basel, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 1986, Seiten 144 bis 145

Emil Blum/Theophil Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde (Textband), Verlag Hermann Krüsi, Basel, 1913, Seiten 27 und 31

Rolf Brönnimann, Basler Bauten 1860-1910, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1973, ISBN 3-7190-0624-7, Seite 130

Guido Helmig/Christoph Ph.Matt, "Katalog der landseitigen Äusseren Grossbasler Stadtbefestigungen", publiziert im Jahresbericht 1989 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, herausgegeben von Rolf d'Aujourd'hui, Basel, 1991, ISBN 3-905098-10-5, Seite 80

Paul Koelner, Basler Friedhöfe, Verlag der National-Zeitung, Basel, 1927, Seiten 68 bis 70

Eugen Alfred Meier, Basel Einst und Jetzt, 3.Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seite 129

André Salvisberg, Die Basler Strassennamen, Christoph Merian Verlag, Basel, 1999, ISBN 3-85616-104-X, Seite 137

Jochen Wiede "Die Elisabethenanlage als garten- und kulturgeschichtliches Denkmal von städtebaulicher Bedeutung" publiziert im Basler Stadtbuch 1989, Christoph Merian Verlag, Basel, 1990, ISBN 3-856-16-038-8, Seiten 149 bis 155

o.A. Erklärung des Banns des Münsters an die Gemeinde in Bezug auf die Angelegenheit des Gottesackers, Broschüre, 1841
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