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Der Morgenstreich

Laut einem Verbot von 1773 war das Trommeln im alten Basel erst ab sieben Uhr (Tagesbeginn) gestattet, später wurde es schon ab sechs Uhr zugelassen. Anno 1804 wurde das Trommeln zur Eröffnung der Fasnacht ausnahmsweise schon ab fünf Uhr erlaubt, aber erst mit dem ungesetzlichen Morgenstreich des Metzgers Bell 1833 setzte sich eine frühere Stunde des Tages als Zeitpunkt zum Auftakt der Fasnacht durch. Wohl hatte es bereits 1797 einen lärmigen Fasnachtsbeginn mit Schiessen und Trommeln um vier Uhr gegeben, aber dies war eine Ausnahme die sich nicht zur Tradition entwickelte.


Während der Trennungswirren zu Beginn der 1830er Jahre litt die Fasnacht einmal mehr unter vielerlei Einschränkungen und Verboten. Dessen ungeachtet scharte der als renitent bekannte Metzger und Gastwirt Samuel Bell eine Gefolgschaft von Fasnachtsbegeisterten und Tambouren um sich. Die später als "Bellsche Spiessgesellen" bekannte Truppe führte gegen 16.00 Uhr am selben Tag einen Umzug in der Stadt durch und umfasste laut Polizeibericht zwischen 100 und 150 Personen.
Wohl hatte man Bell seinen Morgenstreich verboten, aber als deutlich wurde dass dies zwecklos war liess man die Fasnächler gewähren. Polizei und Standestruppe wären ohnehin ausserstande gewesen die umfangreiche Volksbewegung zu lenken oder zu zerstreuen, und zur Waffe wollte man auch nicht greifen. Nach der Niederlage der Basler am 3.August 1833 während des Bürgerkriegs um das Baselbiet, wurden für 1834 öffentliche Veranstaltungen zur Fasnacht untersagt.
Der Morgenstreich war ein militärisches Trommelsignal mit dem aufgebotene Truppen zusammengerufen wurden, weshalb das Signal auch "Sammlung" hiess. Er war als solches bereits Mitte des 18.Jh beim Bernischen Militär als Trommelsignal bekannt und erschien um 1800 auch im Heer der Helvetischen Republik. In Basel nennen die Verordnungen "wegen der Fasnachts-Belustigungen" 1808 den Begriff Morgenstreich erstmals in Verbindung mit der Fasnacht. Doch damals handelte es sich noch nicht um die von Metzger Bell begründete Tradition. Diese begann am frühen Morgen des 27.Februars 1833.
Der Morgenstreich von Samuel Bell

Samuel Bells Morgenstreich soll bereits um drei Uhr begonnen haben. Die Jugend in allen Teilen des Stadt sei in Gruppen oder einzeln trommelnd durch die Strassen und Gassen gezogen. Versuche sie an ihrem gesetzlosen Tun zu hindern blieben fruchtlos. Die Aktion hatte gewiss auch wesentlichen Anteil an der Tatsache dass für 1835 eine erheblich grosszügere Fasnachtsverordnung eingeführt wurde. Wie bereits erwähnt, war 1834 die Fasnacht auf den Strassen verboten. Dafür wurde auf den Zunftstuben unter Polizeiaufsicht gefeiert und getanzt.
Im Jahr darauf wurde der Morgenstreich erstmals mit Erlaubnis der Obrigkeit um vier Uhr in der Früh durchgeführt. Dieser Zeitpunkt hat bis heute seine Gültigkeit behalten und gilt als magischer Augenblick für unzählige Fasnächtler. In jenen Tagen schritten den Tambourengruppen pittoresk uniformierte Platzmacher mit Steinschlossgewehren und Säbeln in Händen durch die Nacht voran, die nur durch Pechfackeln erhellt wurde. Die Platzmacher wurden von Fasnachtsgestalten wie Pierrots oder Blätzlibajassen begleitet, die das Publikum neckten.


Laternen der Lälli-Clique kurz vor dem Morgenstreich. Seit der Mitte des 19.Jh gehören diese grossen bemalten Kunstwerke zu den tragenden Elementen des Morgenstreichs.

Ab 1845 traten anstelle der Fackeln vermehrt Laternen auf. Anfangs waren dies überwiegend Stablaternen, wobei es mit der Zeit auch Rückenlaternen gab, die man wie einen Rucksack trug. Die grossen Laternen, die heute dem Morgenstreich einen wichtigen Teil seines Charakters verleihen, erschienen erst später. Dabei wird für 1857 von einer grossen leuchtenden Pickelhaube berichtet, während für 1858 eine Käppelijoch-Laterne belegt ist.
Im Jahr 1848 berichtete die Schweizerische Nationalzeitung am 13.März über den Basler Morgenstreich:
"Basel: Unser Fasching hat begonnen; schon um 4 Uhr wirbelten die Trommeln den Morgenstreich durch alle Stadtviertel; dieselben bunten Papierlaternen warfen ihre Schlagschatten auf die grotesken Schaaren von Jung und Alt; am gelungensten war der Zug mit einer gutgezeichneten Laterne über die jüngsten Zeitereignisse der Schweiz: Sonderbund und neuenburgisches Preussentum lieferten die Hauptbilder."
Einst zwei Morgenstreiche

Der Morgenstreich fand nicht immer nur am Fasnachtsmontag statt. Für das Jahr 1900 ist ein zweiter Morgenstreich am Mittwoch belegt. Spätestens um 1912 sei der zweite Morgenstreich abgeschafft worden. Aus dem Jahr 1833 berichtet Jakob Christoph Pack, dass die Kinder am Montag wegen des Trommelverbots mit Klapperinstrumenten gelärmt hätten um den Morgenstreich im Gang zu halten. Jedoch hätten sie am Mittwoch die Trommeln rausgeholt und den Morgenstreich wie gewöhnlich geschlagen - ein weiteres Indiz für die Existenz zweier Morgenstreiche an der selben Fasnacht.
Das Gedränge wurde mit der Zeit ein echtes Problem. Hässliche Szenen gab es, wenn verfeindete Züge bei wenig Platz aufeinander stiessen. In den 1870er Jahren sei ein Fasnachtszug von einem anderen derart grob auf der Rheinbrücke abgedrängt worden, dass die Laterne über das Geländer in den Fluss fiel. Der erste Morgenstreich nach dem zweiten Weltkrieg ohne Fasnacht hatte am 11.März 1946 so viel Publikum auf dem Marktplatz, dass für die Cliquen kein Durchkommen war.
Es fanden sich Besucher aus dem Elsass und dem Badischen ein, die in Basel die triste Nachkriegszeit für einen Moment vergessen konnten. Auch waren amerikanische Soldaten auf Urlaub genauso gekommen wie viele "Touristen" aus der übrigen Schweiz, die in Extrazügen der Bahn nach Basel gelangt waren. Die Cliquen mussten bei dem Gedränge auf dem Marktplatz ihre Marschrichtung um 180 Grad ändern. Bei jenen die den Weg durch die Massen wagten, mussten die Tambouren ihre Trommeln über dem Kopf durch die Zuschauermenge balancieren.


Die Angehörigen der Lälli-Clique bereiten sich kurz vor vier Uhr auf den Morgenstreich vor. Sie ziehen ihre Larven mit den Kopflaternen an, welche die verschieden kostümierten Fasnächtler als Angehörige einer bestimmten Clique ausweisen.

Der Morgenstreich heute

Heute ist der Morgenstreich (im Basler Dialekt "Moorgestraich") eines der grossen Ereignisse in Baslerischen Jahresablauf. Traditionell beginnt er um vier Uhr morgens mit dem Ausschalten der öffentlichen Beleuchtung in der verkehrsbefreiten Innenstadt zwischen Aeschenplatz und Mustermesse. Die Nacht wird dann von den grossen Laternen der Cliquen, den Stablaternen und Kopflaternchen erhellt. Sie sorgen für die typische Atmosphäre des Morgenstreich. Zuschauer sollten nie mit Blitzlicht Fotografieren, denn das stört die Stimmung und es ist genauso verhasst wie erleuchtete Schaufenster und Werbeflächen.
Mit dem Lichterlöschen beginnen sich zum Kommando "Moorgestraich - Vorwärts marsch!" die zahlreichen Cliquen, die sich an speziellen Standorten bereitgestellt haben, zum Klang von Trommeln und Piccolos voranzubewegen. Unzählige Tambouren und Pfeifer aller Cliquen intonieren dazu synchron den von Karl Schell arrangierten Marsch "Morgenstraich", der stets als erster und nur zu diesem Anlass gespielt wird. Danach wechseln die Märsche von Clique zu Clique während die Züge gemessenen Schritts durch Strassen und Gassen marschieren.
Am Morgenstreich tragen die Teilnehmer kein einheitliches Kostüm welches beim Cortège am Montag und Mittwoch auf das gewählte Sujet (Thema) der Clique abgestimmt ist. Vielmehr tragen Fasnächtlerinnen und Fasnächtler unterschiedliche Kostüme. Diese offene Kleiderordnung bei den Cliquen ist als "Charivari" bekannt. Einheitliches Merkmal am Kostüm ist die auf der Larve angebrachte kleine Kopflaterne der Clique.



Querverweise zur Fasnachtsgeschichte:

>> Die Basler Fasnacht
>> Ursprünge der Basler Fasnacht
>> Quartierumzüge zur Fasnacht
>> Der Weg zur Strassenfasnacht
>> Die alten Cliquen 1884 bis 1938
>> Der Tambourmajor

Surftipps zu den Cliquen nach Gründungsjahr:

> Website der Vereinigten KleinBasler (VKB)
> Website der Breo-Clique
> Website der Lälli-Clique
> Website des Barbara-Club
> Website der Basler Mittwoch Gesellschaft
> Website des Central Club Basel
> Website der Rätz-Clique
> Website der Alti Richtig
> Website der Basler Bebbi Basel

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Literatur:
Georg Duthaler, Trommeln und Pfeifen in Basel, 1985, Christoph Merian Verlag, ISBN 8-856-16-023-10, Seiten 45 und 85 bis 86
Fritz Meier, Basler Heimatgeschichte, 5.Auflage 1974, Lehrmittelverlag des Kantons Basel-Stadt, Seiten 352, 361, 363 und 369
Paul Koelner, Die Basler Fastnacht, 1913, Universtitätsbuchdruckerei Friedrich Reinhardt, Seiten 21, 23 bis 26 und 45
Eugen A.Meier, die Basler Fasnacht, 2.Auflage 1986, Herausgegeben vom Fasnachts-Comité, ISBN 3-9060-7200-1, Seiten 72, 103 bis 107
Dorothea Christ/Peter Zepf, Basler Fasnachts-Laternen, 1980, Herausgegeben von der Spezi-Clique, Verlag Friedrich Reinhardt, ISBN 3-7245-0472-1, Seiten 12 bis 21
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