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(2.) Der Lällekönig
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Er ist jünger als das Rheintor, wo er während fast 200 Jahren Hof hielt - der Lällekönig. Es war seine stete Gesichtsakrobatik die ihm seinen Namen verlieh. Er hatte eine Zunge, auf Baseldeutsch eben "Lälli" genannt, die er dank eines mit dem Uhrwerk gekoppelten Mechanismus weit gegen die mindere Stadt herausstrecken konnte.


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Links streckt der Lällekönig an der Dachtraufe des Gifthüttli in der Sattelgasse seine Zunge Richtung Rathaus heraus. Rechts der bewegliche Lällekönig über dem Restauranteingang an der Schifflände 1.

Zugleich rollten seine Augen hin und her. Der Lällenkönig schaute aus dem rheinaufwärts stehenden der beiden Fenster, welche die Uhr im obersten Torgeschoss flankierten, und bewegte sein Gesicht viermal pro Minute. Der Genaue Zeitpunkt seiner "Thronbesteigung" ist nicht mehr auszumachen, aber es wird wohl ungefähr um 1641/42 gewesen sein.


Werk eines Wachsbossierers?

Damals hielt sich ab dem 19.Juli für neun Monaten der Wachsbossierer Daniel Neuberger in Basel auf. Bei einem ersten Besuch in der Stadt wurde er vom Berufsgenossen David Stambler aus Strassburg begleitet. Sie kamen 1639 um gegen Entgelt kunstvoll gefertigte Uhrwerke zu zeigen. Neuberger dürfte während seines zweiten Besuchs in Basel zum Schöpfer des Lällenkönig geworden sein.

Es handelte sich dabei um jenen überlebensgrossen bekrönten Königskopf aus Kupferblech mit besagtem "Lälli" und rollenden Augen. Anfangs sei das Innenleben des Königs mit dem Pendel der Turmuhr verbunden gewesen, welches seine Grimassen antrieb. Anno 1697 wurde durch den städtischen Uhrmacher Jakob Enderlin dem Älteren ein autonomes mechanisches Triebwerk eingerichtet.

Dieses Triebwerk brachte das Minenspiel des bei dieser Gelegenheit erstmals als "Lellenkönig" bezeichneten Monarchen zum laufen. Uhr und Lällenkönig funktionierten nunmehr unabhängig voneinander. Der federgetriebene König musste des Morgens und des Abends neu aufgezogen werden, wenn sein Antlitz nicht während des Tages oder in der Nacht unvermittelt erstarren sollte.


Vom Thron gestossen

Wie viele gekrönte Häupter verlor auch der Lällenkönig in den Jahren nach der Französischen Revolution seinen Thron in luftiger Höhe. Zur Zeit der Helvetik wurde angeordnet, dass alle Symbole der alten Herrschaft an öffentlichen Orten zu verschwinden hätten. So holte man 1798 den Lällekönig vom Turm des Rheintors herunter um an seiner Stelle ein Freiheitsbäumchen aufzupflanzen.

Doch bereits im Frühjahr 1801 trieb der Lällekönig erneut sein Minenspiel am Rheintor, wiedereingesetzt von einigen treuen Anhängern. Bald erhob sich Unmut unter den patriots bâloises, die sogar damit drohten den "berüchtigten" Lällekönig herunterzuschiessen. So musste er zum zweiten Mal weichen. Nach dem Abzug der französischen Besatzungstruppen begann 1803 die Mediationszeit.

Mit ihr kehrte auch der Lällekönig an seinen angestammten Platz zurück. In der Zeit seiner erneuerten Regentschaft soll er 1820 auch der späteren Schauspielerin Karoline Bauer die Zunge rausgestreckt haben, als sie mit dreizehn Jahren von Karlsruhe nach Neuenburg reiste. Erst bei seinem Anblick hätte sie auf dieser Reise, vom Heimweh geplagt, wieder Lachen können.

Auch danach sei ihr die Erinnerung an den Lällekönig ein erheiternder Trost in der Fremde gewesen. Mit den lauter werdenden Stimmen die um 1830 einem Abriss des Rheintores forderten, rüttelte man erneut am Heim des Königs. Man möge beim Abbruch des Tors den unhöflichen Monarchen an einen Schwibbogen oder sonstwohin verpflanzen, wenn er denn überhaupt erhaltenswert sei.


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Links der steinerne Lällekönig als Hauszeichen an der Liegenschaft Schifflände 1 mit dem Baujahr des Hauses. Rechts an der Eisengasse 1 der König in einer steinernen Kartusche am Haus "zur Rheinbrücke".

Wie der König obdachlos wurde

Im Jahr 1839 musste dann der Lällekönig mit dem Rheintor vom Grossbasler Brückenkopf verschwinden. Bis auf ein kurzes Intermezzo im Rahmen einer Veranstaltung im Jahr 1861 verblieb der König in der staubigen Rumpelkammer. Eine zeitlang befand sich er sich als Museumsrelikt in der mittelalterlichen Sammlung. Man hatte zuvor erwogen ihm einen neuen Platz in der Öffentlichkeit zu geben.

Am Rheinlagerhaus, flussaufwärts blickend, hätten sich die Baselbieter durch die königlichen Grimassen mit rausgestreckter Zunge beleidigt fühlen können. In der Obhut der Universität im Haus zur Mücke hätten sich die Akademiker eventuell gekränkt gesehen. Schliesslich landete der Lällekönig in der besagten mittelalterlichen Sammlung im Münster.

Einen Standort am Spalentor verwarf man zuletzt um 1870 um die Gefühle der benachbarten Elsässer zu schonen, denen er seine Zunge entgegengestreckt hätte. Erst mit der Eröffnung des Historischen Museums in der Barfüsserkirche 1894 trat der Lällekönig wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Er streckte fortan im vorderen Teil des Kirchenschiffs den Besuchern seine Zunge heraus.

Ergänzt (oder eher verunstaltet) hatte man ihn mit einem voluminösen Bart aus Rosshaar, den man ihm zur Dekoration angeklebt hatte. 1937 wurde darüber debattiert, ihm im Hof des Rathauses einen Platz zu geben, wo er besser zur Geltung käme als im Museum. Die Altersschwäche des Monarchen ersparte ihm jedoch einen solchen dauerhaften Freiluftauftritt.


Der Lällekönig lebt weiter...

Damit man den Lällekönig nicht alle Tage neu aufzuziehen musste, wurde er mit einem kleinen Elektromotor versehen der sein Minenspiel am laufen hielt. Der Motor war dann nach zwei Jahrzehnten in Museumsdiensten dermassen ausgeleiert, dass man in den 50er Jahren einen neuen Antrieb einbaute. Im Jahr 1974 verschwand der König dann für über sechs Jahre.

Er erschien erst wieder nach der Renovation der Barfüsserkirche, wo er ab 1982 im Untergeschoss mitsamt einem treibenden Uhrwerk am Eingang zur Dauerausstellung Stadtgeschichte I wachte. Wie einst das Rheintor wurde im Jahr 2000 auch diese Ausstellung zur Frühgeschichte Basels ein Opfer des Zeitgeistes. Der Lällekönig lebt aber mehrfach weiter in den Gassen von Basel.

Im 1914 erbauten Haus Schifflände 1 eröffnete E.Warthmann-Müller im selben Jahr das Restaurant "Lällekönig". An diesem Gebäude wachen gleich zwei Könige. Zum einen einer aus Stein an der Hausecke, quasi als Hauszeichen mit Baudatum 1914, zum anderen einer mit rollenden Augen und beweglicher Zunge, der nach einem Entwurf von Resa Blattner geschaffen wurde.

Über dem Eingang zum ehemaligen Steakhouse Churrasco trieb letzterer lange sein Minenspiel. Nun heisst das Restaurant wieder "Lällekönig", wie einst in den frühen Tagen. In Sichtweite kann man am Haus "zur Rheinbrücke" an der Eisengasse 1 an einer steinernen Kartusche einen dritten Lällekönig entdecken. Ein vierter streckt von einer Dachtraufe an der Sattelgasse seine Zunge heraus.


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... auch in der Fasnachtswelt

Auch an der Fasnacht erscheint er, wo er als Signet der 1902 gegründeten Lälli-Clique dient (Bild links). Der Name bezog sich damals allerdings nicht auf den König vom Rheintor sondern auf das Fasnachtsujet - Einführung der Polizeistunde.

Alle Larven der Cliquen stellten durstige Zecher dar, denen die Zunge (der Lälli) lang aus dem Mund hing weil ihnen eines der elementarsten Menschenrechte verwehrt sei, das Löschen des Durstes.




Surftipp zur Lälli-Clique:

> Website der Lälli-Clique



Literatur:

Albert Spycher, Der Basler Lällekönig, seine Nachbarn, Freunde und Verwandten, 166.Neujahrsblatt der GGG, 1987, Helbing und Lichtenhahn, ISBN 3-7190-0985-1

-minu, "Die Lällekönige haben Kopfweh", Artikel in der Basler Zeitung, 30.April 1983,

Casimir Hermann Baer, Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 1, 1932/71, Birkhäuser Verlag, Seiten 214 bis 218

Emil Major, Bauten und Bilder aus Basels Kulturgeschichte, 1986, Verlag Peter Heman Basel, ISBN 3-85722-010-5, Seite 52

Jahresbericht 1990 der Archäologischen Bodenforschung BS, ISBN 3-905098-11-3, Katalog der rheinseitigen Grossbasler Stadtbefestigungen, Seite 168

Jahresbericht 2000 der Archäologischen Bodenforschung BS, ISBN 3-905098-32-06, ISSN 1424-4535, Seiten 36 bis 37

engel

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